Hüft-Dysplasie, Bein-Parese, Eisschwimmen und sieben Weltmeistertitel – why not?

Tina Deeken, eine außergewöhnliche Sportlerin, die mit Behinderung auf Grund einer angeborenen Hüft-Dysplasie sportliche Leistungen und Rekorde auf Weltklasse-Niveau fast im Wochentakt abliefert. Im Jahre 2022 hat sie nicht weniger als sieben Weltmeistertitel nach Hause gebracht. Als Jugendliche gab es nach einer Triple-Osteotomie (Durchtrennen das Beckens an drei Stellen zur Korrektur der Fehlstellung) der linken Hüfte Komplikationen. Aus diesem Grund lebt sie seitdem mit einer Beinparese (unvollständige Lähmung). Im Alltag ist sie mit einer C-Brace-Ganzbeinorthese links, einer Knieorthese rechts und zwei Gehstöcken mobil. Als wäre das alles nicht genug, hat Tina zusätzlich eine Gerinnungsstörung, das sog. Von-Willebrand-Syndrom.

Aber statt zu resignieren war ihr Schicksal der Start zu einer atemberaubenden Karriere als Para-Sportlerin. Im nachfolgenden Gastbeitrag lässt Euch Tina an ihrer beeindruckenden Geschichte teilhaben. Mich hat es bereits beim Schreiben gefröstelt. Ich empfinde schon den kaum wärmer als 20 Grad werdenden Tegernsee im Sommer als eine echte Herausforderung.

Leider wird den Leistungen von behinderten Sportlerinnen und Sportlern in unseren Medien viel zu wenig Raum geboten, zumal die große Mehrheit von dem Sport nicht leben kann. Training und Wettkämpfe müssen fast immer neben Beruf und Familie stattfinden. Sponsoren sind selbst in der Weltspitze schwer zu finden, besonders in Randsportarten.

Tina Deeken, geboren 1976 in Löningen
Lebt und arbeitet seit 1996 in Hannover

als Förderschullehrerin an einer Grundschule

Para-Athletin:
– Schwimmen
– Para Eisschwimmen
– Para Freiwasserschwimmen
– Para Triathlon
– Handbike
– Rennrollstuhl

Hier die beeindruckende Liste der Schwimmleistungen

Profil auf LinkedIn

Wie ich trotz Beinparese nach Umstellungsosteotomie beim Para Triathlon meine Begeisterung fürs Para Freiwasserschwimmen entdeckt habe und dann Para Eisschwimmerin wurde

von Tina Deeken, Januar 2023

Alles begann mit der Anmeldung für den Maschsee-Triathlon in Hannover 2014, zu einem Zeitpunkt wo ich u.a. aufgrund einer Lähmung des linken Beines schon gar nicht mehr laufen konnte. Und ich war mir auch nicht sicher, ob es erlaubt ist, wenn man einfach nach dem Radfahren aufhört. Es war erlaubt und hat Spaß gemacht! Viele zwei Drittel Triathlons später kam ich über mehrere glückliche Fügungen zu meinem eigenen Rennrollstuhl und damit zu meinem ersten inklusiven Finish bei einem Triathlon nach vielen Jahren DNF (Did not finish)! Inzwischen habe ich inklusiv beim Triathlon Sprintdistanzen, Olympische Distanzen und Mitteldistanzen gefinisht und war vielfach in meiner Lieblingsposition als Staffelschwimmerin im `Team Inklusion` im Einsatz.

Maschsee-Triathlon 2022
Tina Deeken beim Maschsee-Triathlon 2022

Parallel dazu habe ich aber immer mehr die von vielen Triathleten so ungeliebte Disziplin, das (Para) Freiwasserschwimmen für mich entdeckt. Zunächst nur im heimischen See in Langenhagen, dann in unzähligen anderen Seen, Flüssen, Kanälen und im Meer. Die Open Water Strecken wurden dabei auf der einen Seite, meist im Neoprenanzug, immer länger (Ultraschwimmen Münster 10 km, Thames Marathon 14 km etc.) und auf der anderen Seite, ohne Neo, immer kälter beim Eisschwimmen (Amstel Ice Swim in Niederlanden, Ice Swimming German Open in Veitsbronn etc.). 

Ich war als Kind bereits im Schwimmverein und habe leistungsorientiert Tennis gespielt

Tina Deeken

Bereits in der frühen Jugend war mein geliebtes Tennis aufgrund der zunehmenden Schmerzen wegen des angeborenen Hüftschadens irgendwann nicht mehr möglich. Dann kamen die Schmerzen auch im Alltag hinzu. Als Jugendliche resultierte aus der Hüftdysplasie, obwohl ich als Baby mit Spreizhose etc. gut versorgt worden war, eine Triple-Osteotomie. Die linke Hüfte sieht postoperativ immer noch prima aus, leider ist es aber zu einer Beinparese gekommen. Inzwischen bin ich im Alltag mit eine C-Brace-Ganzbeinorthese links, einer Knieorthese rechts und zwei Gehstöcken mobil. Neben den orthopädisch-neurologischen Einschränkungen, habe ich auch noch eine Gerinnungsstörung (Von-Willebrand-Syndrom), die inzwischen substitutionspflichtig ist und auch gewisse Einschränkungen bei sportlichen Betätigungen sowie ein erhöhtes OP-Risiko mit sich bringt. Für den Sport nutze ich bei Volksläufen oder beim Triathlon für die Laufdisziplin den Rennrollstuhl oder aber bei großen Stadt-Marathons wie in Hannover (Platz 1 Frauen 2022) oder Berlin (Platz 6 Frauen 2022) das Handbike. Ich ziehe jeden Morgen vor der Arbeit im Schwimmbad meine Bahnen. Das reduziert die Spastik und die Schmerzen im Bein. Durch das gelähmte Bein ist es in der Folge zu Überlastungsschäden an anderen Körperstellen gekommen, wie einer Parese im linken Arm, einer chronisch entzündeten rechten Schulter, einem Kreuzbandriss im rechten Knie etc. Aber auch hier hilft das tägliche Schwimmen sowie regelmäßige Physiotherapie, die Beweglichkeit, die Koordination und die Kraft zu erhalten. 

Insbesondere beim Freiwasserschwimmen leistet mir meine speziell angefertigte ‚Bade-Orthese‘ hervorragende Dienste. Zusätzlich bin ich insbesondere beim Wassereinstieg und -ausstieg, der ja in der Regel nicht barrierefrei ist, auf die Hilfe von lieben Mitschwimmerinnen und Mitschwimmern angewiesen. Und auch im Rennrolli habe ich im inklusiven Läuferfeld zur Sicherheit häufig eine Begleitläuferin oder einen Begleitläufer dabei. Diese organisieren auch meistens den Rolli-Transport für mich. Ich finde diese großartige Hilfe nicht selbstverständlich und bin sehr dankbar dafür, dass ich so meinen Sport in inklusiven Zusammenhängen überhaupt ausüben kann.

Die Para 5 – Fünf Langstrecken-Freiwasserschwimmwettkämpfe mit jeweils mehr als 5 Kilometern

Im Bereich Freiwasserschwimmen habe ich in diesem Sommer die Para 5 komplettiert. In Anlehnung an die Ocean´s 7 (7-teilige Langstreckenschwimmherausforderung für Schwimmer, gilt als Äquivalent zu den Seven Summits der Bergsteiger) muss ich als Para Schwimmerin fünf Freiwasserschwimmen über mehr als 5 km Länge nachweisen. Ich habe mich mit der Wörtherseelängsquerung 17,5 km, der Bodenseequerung 11 km, dem Lighthouse Swim Open Water Kiel 14 km, dem Wakenitzman Lübeck 14 km und dem Oslo-Fjord-Crossing in Norwegen 10 km qualifiziert.

Mal eben den Ärmelkanal durchqueren

Besondere Erlebnisse waren auch noch im Juli 2022 der 3. Platz in der AK 45 bei den Deutschen Meisterschaften Freiwasser in Großkrotzenburg bei den Nichtbehinderten über 2,5 km (41:19,11 min) oder die inklusive Ärmelkanal-Staffel im August 2022. Unser Staffel-Team bestand aus disabled und non-disabled Schwimmerinnen und Schwimmern aus Ägypten und Deutschland. Es waren Sportlerinnen und Sportler mit individuellen mentalen und physischen Herausforderungen dabei. Unser Motto war `Equality and Diversity`! Wir sind bei sehr guten Wettervorhersagen in der Nacht vom 5.8. auf den 6.8. im Dunkeln an der englischen Küste in der Nähe von Dover gestartet und nach 12:02 h an der französischen Küste in der Nähe von Calais angekommen. Nach den Regeln der Channel Swimming Association wird das Channel-Crossing ohne Neoprenanzug geschwommen und der Wechsel der Staffelschwimmer erfolgt jeweils nach exakt einer Schwimm-Stunde. Für mich war es aufgrund der Parese im Bein und im Arm eine besondere Herausforderung an Bord des Begleitbootes zurückzukommen, was ich nur mit der Hilfe meines Teams bewältigen konnte.

Tina Deeken 2022 beim Durchqueren des Ärmelkanals
Tina Deeken 2022 beim Durchqueren des Ärmelkanals

Über 200 Kilometer schwimmen für den Umweltschutz

Neben den Themen Para Sport und Inklusion, die auch in meiner Arbeit als Förderschullehrerin an einer Grundschule immer wieder zum Tragen kommt, hatte ich noch die prima Gelegenheit, mit meinem Trainingspartner Tobias Prüßner für den Umweltschutz zu schwimmen. Wir haben 2021/2022 in mehreren Etappen self-supported ohne Begleitboot die 202 km Oberweser durchschwommen (von Hann. Münden nach Minden), um zum Teil in Kooperation mit dem BUND Niedersachsen auf die Versalzung der Weser aufmerksam zu machen.

Doch wie kam es nun zum Eisschwimmen? Im Oktober 2018 war ich beim traditionellen Abschluss der Sommer-Freiwasser-Saison beim Hafenschwimmen in Wilhelmshaven etwas traurig, dass die Open-Water-Saison schon wieder vorbei ist und es bis zum nächsten Frühjahr wieder ins Hallenbad geht. Da sagte jemand, dass doch nun die Eisschwimm-Saison losginge.

Ich war der festen Überzeugung, dass Eis-Schwimmen nichts für mich sei.

Tina Deeken

Ich wusste auch nicht, wie die Lähmungen auf Kälte reagieren würden. Nun ja, ich habe es versucht und bin einfach gemeinsam mit Trainingspartnern (Eisschwimmen als Extremsportart sollte man aus Sicherheitsgründen nie allein machen!) weiter im Silbersee in Hannover geblieben. Die Schwimmzeit und -strecke wurden mit sinkenden Temperaturen immer kürzer, aber bereits im Dezember 2018 habe ich beim Silbersee-Ice-Cup meinen ersten Eisschwimm-Wettkampf (Wassertemperatur unter 5 Grad) absolviert. Darauf folgten (natürlich mit Corona-Bremse) viele weitere.

Sieben Weltmeistertitel bei den ersten Para Eisschwimm-Weltmeisterschaften bei Wassertemperaturen von 3 Grad

Da im Februar 2022 bei den Eisschwimm-Weltmeisterschaften (IISA) in Glogow / Polen erstmal Wettbewerbe für Para Schwimmerinnen und Schwimmer ausgeschrieben, hatte ich die fantastische Gelegenheit dort dabei sein zu dürfen. Wir Para Schwimmer sind im Februar bei 3 Grad Wassertemperatur und 1,5 Grad Lufttemperatur in einem Schwimmbecken, das eigens in die Oder gebaut worden war, inklusiv in den Läufen mit den nichtbehinderten Schwimmer:innen gestartet. In der disabled category habe ich 7 Weltmeistertitel (500 m 250 m, 100 m, 50 m Freistil und 100 m, 50 m Brust und 50 m Rücken) gewinnen können und halte einige Weltrekorde. In diesem Herbst bin ich für die WM im alpinen Samöens / Frankreich im Januar 2023 nominiert worden und hoffe, dass ich dort wieder aufs Podium kommen kann. Dazu trainiere ich aktuell wieder im Silbersee in Langenhagen/Hannover und in der Werre (Bad Oeyenhausen) und an einigen Samstagen auch in einem ungeheizten Freibad in Hannover / Kleefeld (Annabad).

Ich habe das Kältetraining nur kurz im November 2022 unterbrochen, um im Rheinbad in Düsseldorf im warmen Becken das erste Mal an einer Deutschen Meisterschaft im Para Schwimmen teilzunehmen und habe dort bei den Masters 1 zwei Gold- (400m Freistil und 50m Rücken) und zwei Silbermedaillen (100 m Freistil und Brust) gewinnen können.

Der Auftakt in die Eisschwimm-Saison 2022/2023 war sehr erfolgreich. Ich bin am 3. Adventswochenende in Burghausen (Oberbayern) beim Winter Swimming World Cup (IWSA) gestartet und habe dort im Wöhrsee in der inklusiven Wertung (Es gab keine eigene Para Wertung) in meiner Altersklasse E eine Silbermedaille (450 m Freistil) und drei Bronzemedaillen (50 und 100 m Freistil, 50m Brust) gewonnen.

Im Januar 2023 bei der Eisschwimm-WM in den französischen Alpen konnte ich tatsächlich erneut siebenfache Weltmeisterin werden und stellte dabei noch 5 neue Weltrekorde auf – bei 4 Grad Wasser- und 2 Grad Lufttemperatur auf 1000 Metern Meereshöhe.
Ein ganz besonderer emotionaler Höhepunkt war die Teilnahme an der ersten internationalen World Team Para Relay über 4x250m Freistil inklusiv im Feld der Nationen-Staffeln, gemeinsam mit Patricia Heffernan (IRL), Jonty Warneken (GBR) und Nicola Doran (IRL).
So kann das Jahr weitergehen.

Siegerlächeln: Tina Deeken als siebenfache Weltmeisterin
Siegerlächeln: Tina Deeken als siebenfache Weltmeisterin

Text und Fotos: Tina Deeken

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