AE-Kongress 2026 – Politik spart, Patienten verlieren
Der AE-Kongress 2026 bot über zwei Tage eine straffe und vielfältige Agenda. Besonders im Fokus stand ein Thema, das derzeit viele Menschen bewegt: „Politik spart, Patienten verlieren“. Mehrere aktuelle Reformen – darunter das Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetz (KHVVG), das Krankenhausstrukturgesetz (KHSG) und das GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz (GKV-BStabG) – tragen dazu bei, dass die Versorgung für Patientinnen und Patienten spürbar unter Druck gerät.
Ein Gesundheitssystem am Limit
Die Ausgangslage ist eindeutig: Die Kosten im deutschen Gesundheitswesen steigen seit Jahren kontinuierlich. Mit inzwischen 538 Milliarden Euro jährlich gehört Deutschland zu den teuersten Gesundheitssystemen weltweit. Gleichzeitig liegt die Lebenserwartung im europäischen Vergleich nur im hinteren Mittelfeld. Ein Missverhältnis, das nachdenklich macht. (Quelle: Statista).
Strukturelle Ursachen: Wo das System krankt
Mehrere Faktoren tragen zu dieser Schieflage bei:
- Überversorgung mit Kliniken und Betten: Deutschland verfügt im europäischen Vergleich über eine außergewöhnlich hohe Krankenhausdichte.
- Falsche Anreize im Vergütungssystem: Fallpauschalen fördern Menge statt Qualität – konservative, kostengünstige Behandlungen bleiben oft auf der Strecke.
- Hohe Verwaltungskosten durch Fragmentierung: Die Vielzahl gesetzlicher Krankenkassen – insgesamt 93 – bindet Ressourcen, die für die direkte Versorgung fehlen.
- Zu wenig Prävention: Krankheitsvermeidung spielt im System eine untergeordnete Rolle.
- Geringe Ambulantisierung: Ambulante Eingriffe werden strukturell benachteiligt, obwohl sie oft effizienter und patientenfreundlicher wären.
Der AE-Kongress greift die Reformen auf
Die Deutsche Gesellschaft für Endoprothetik (AE) widmete sich in ihrem 28. Jahreskongress intensiv den Auswirkungen dieser Reformen auf die Versorgung mit künstlichen Gelenken. Besonders deutlich wurde dies im Vortrag von Prof. Dr. Karl-Dieter Heller, Mitglied des AE-Präsidiums.
Mindestmengen: Qualität ja – aber zu welchem Preis?
Die neuen Mindestmengenregelungen sehen vor, dass Kliniken schrittweise bis 2030 deutlich höhere Fallzahlen erreichen müssen, um Knie-TEPs durchführen zu dürfen:
- Knie-TEP (Erstimplantationen): Anstieg von 50 auf 150 pro Jahr
- Unikondyläre Schlittenprothesen: mindestens 20
- Wechseloperationen: mindestens 25
Die Idee dahinter ist richtig: Hohe Fallzahlen verbessern nachweislich die Ergebnisqualität (Quelle: Endoprothesenregister Deutschland). Doch die Konsequenzen sind drastisch: Rund 600 der aktuell 1000 Kliniken werden diese Vorgaben voraussichtlich nicht erfüllen können.
Für die Patientinnen und Patienten bedeutet das:
- längere Wege
- längere Wartezeiten
- weniger wohnortnahe Versorgung
Zudem verlieren viele Krankenhäuser die Möglichkeit, Fachärztinnen und Fachärzte in der Endoprothetik auszubilden – ein Aspekt, der die Versorgung langfristig weiter schwächt.
MDR 2.0: Ein Hoffnungsschimmer
Im Bereich der europäischen Medizinprodukte-Regulierung gibt es zumindest positive Signale. Die ursprünglich geplante Verschärfung der MDR (Medical Device-Regulation) hätte Hersteller bewährter, aber selten eingesetzter Implantate wirtschaftlich stark belastet. Die nun beschlossene kontinuierliche Überwachung (Continuous Surveillance) statt starrer 5‑Jahres-Zertifizierungszyklen sorgt für Entlastung und sichert die Versorgung mit spezialisierten Revisionskomponenten.
Auch der Marktzugang für neue Medizinprodukte wird erleichtert – ein wichtiger Schritt, um Innovationen in Europa zu halten.
Robotik in der Endoprothetik: Präzision für das personalisierte Knie
Ein weiteres zukunftsweisendes Thema des Kongresses war die Robotik. Systeme wie MAKO (Stryker) und ROSA (Zimmer Biomet) sind in Deutschland zunehmend im Einsatz. Sie unterstützen Operateure bei der präzisen Planung und Durchführung von Gelenkersatzoperationen – ohne die Kontrolle zu übernehmen.
Die Vorteile liegen auf der Hand:
- exakte Schnittführung durch 3D-Bildgebung
- präzise Planung von Bandspannung, Gelenkachsen und -winkeln
- Möglichkeit eines „personalisierten Knies“
Prof. Dr. Ulrich Nöth, Leiter des Endoprothetik-Zentrums der Maximalversorgung des Waldkrankenhauses Spandau, zeigte eindrucksvoll, wie ROSA-Daten über PROMS (Patient-Reported Outcome Measures) , OP-Schritte und Messwerte in einer Datenbank zusammengeführt werden können – vorausgesetzt, der Datenschutz ist gewährleistet. Patientinnen und Patienten können über die mymobility-App ihre Ergebnisse dokumentieren, Operateure erhalten wertvolle Einblicke in den Verlauf und die Qualität ihrer Eingriffe.
Mit zunehmender Datenbasis wird sich zeigen, ob robotergestützte Eingriffe langfristig bessere Ergebnisse liefern. Vieles spricht bereits dafür. Je mehr Daten wir über diese neue Art der OP erhalten – einige dutzend Kliniken setzen bereits eines der beiden Systeme in Deutschland ein – und diese dann auch in das EPRD-Register einfließen, wird klar werden, ob es wirklich entscheidende Vorteile für den Patienten gibt. Einiges spricht zumindest aktuell dafür. In USA sind übrigens ca. 3500 dieser Systeme im Einsatz. Dabei ist MAKO führend, da bereits seit mehr als einem Jahrzehnt am Markt. Die Klinik Schloß Werneck von Prof. Dr. Christian Hendrich, hat letztes Jahr die zehntausendste OP mit diesem System durchgeführt.
Revisionsendoprothetik: Wenn scheinbar aussichtslose Fälle wieder Hoffnung bekommen
Besonders beeindruckend waren die Vorträge zur Revisionsendoprothetik. Sie zeigten, dass selbst komplexe Fälle – verursacht durch Unfälle, Infektionen, fehlerhafte Voroperationen oder anatomische Besonderheiten – mit chirurgischer Expertise und spezialisierten Implantaten erfolgreich behandelt werden können.
Für viele Betroffene bedeutet das: Ein selbstständiges Leben auf zwei Beinen wird wieder möglich.
Fazit
Der AE-Kongress 2026 hat deutlich gemacht, wie stark politische Entscheidungen die Versorgung beeinflussen – und wie wichtig es ist, die Perspektive der Patientinnen und Patienten im Blick zu behalten. Trotz aller Herausforderungen gibt es Mut machende Entwicklungen: Robotik, moderne Implantattechnologien und eine differenziertere MDR schaffen auch neue Chancen für eine hochwertige Versorgung.





Vielen Dank für die Zusammenfassung. Gibt es noch weitergehende Infos speziell für Revisionsprothetik (Hüfte)